Am 6. August 1945 wird das erste Mal eine Atombombe militärisch eingesetzt. Über der japanischen Stadt Hiroshima wird die rund vier Tonnen schwere Bombe „Little Boy“ gezündet, um so den Krieg im Pazifik zu beenden. Die Bombe hatte eine Sprengkraft von rund 13 Kilotonnen und zerstörte das Stadtzentrum Hiroshimas im Umkreis von nahezu 2 Kilometern vollständig. Weit über 100.000 Menschen sterben. Rund zehn Jahre später entsteht die Bundeswehr. Um die Frage der atomaren Bewaffnung der neuen Streitkräfte entbrennt eine langanhaltende Debatte.

Am 6. August 1945 wird die erste Atombombe militärisch eingesetzt. Über der japanischen Stadt Hiroshima bildet sich kurz nach der Explosion der charakteristische Atompilz. (Bild: Hohem via. commens.wikimedia.org)

Am 6. August 1945 wird die erste Atombombe militärisch eingesetzt. Über der japanischen Stadt Hiroshima bildet sich kurz nach der Explosion der charakteristische Atompilz. (Bild: commens.wikimedia.org)

Als die Bundeswehr aufgestellt wurde, herrschte der Kalte Krieg. Die Welt wurde durch die Konfrontation der beiden Bündnisse, NATO und Warschauer Pakt, und ihrer Supermächte USA und Sowjetunion bestimmt. Beide Seiten verfügten über vielfältige Atomwaffen. Der scheinbar ständig drohende Krieg ließ sich nach Auffassung der damals verantwortlichen Politiker vor allem durch die Abschreckung verhindern, die von den Atomwaffen ausging. Jeder Seite war klar, dass eine militärische Provokation nicht nur in einen Krieg führen, sondern in einem nuklearen Desaster enden könnte. Dies war umso gefährlicher, weil die NATO die Strategie der Massiven Vergeltung besaß. Danach wäre jeder Angriff auf ein NATO-Mitglied unmittelbar mit Nuklearwaffen beantwortet worden. Man glaubte, dass diese Strategie richtig wäre.

Vom Atomzeitalter geprägt

In diese Zeit hinein entstand ab 1955/56 die Bundeswehr. Wenngleich die Bundesrepublik selbst nie Atomwaffen besaß, hatten diese einen prägenden Einfluss auf ihre Streitkräfte. Zu den ersten neu aufgestellten Verbänden der Luftwaffe gehörten Jagdbombergeschwader. Einige von ihnen waren für den Atomwaffeneinsatz vorgesehen und trainierten dafür. Zudem besaß die Luftwaffe bis in die 1980er Jahre Flugabwehrraketen, die auch nukleare Gefechtsköpfe besaßen. Auch im Heer wurden zahlreichen Artillerieeinheiten für diesen Einsatz aufgestellt und ausgebildet. In der gesamten Bundesrepublik entstanden in der Nähe ihrer Standorte sogenannte „Sonderwaffenlager“, die von deutschen und US-amerikanischen Soldaten gemeinsam bewacht wurden. Die Atomwaffen blieben dabei immer unter der Kontrolle der US-Kameraden. Die Bundeswehr stellte die Trägermittel und Waffensysteme für den Einsatz, besaß aber nie die Munition. Überdies hätte die dazu vorgesehene Munition wegen ihrer taktisch geringen Reichweite allein Auswirkungen für das „Gefechtsfeld Deutschland“ besessen.

Verteidigungsminister Franz Josef Strauß galt als Befürworter einer nuklearen Bewaffnung. (Bild: Bundeswehr)

Verteidigungsminister Franz Josef Strauß galt als Befürworter einer nuklearen Bewaffnung. (Bild: Bundeswehr)

Dies war eine der militärpolitischen Prämissen, die Bundeskanzler Konrad Adenauer und der zweite Bundesminister der Verteidigung, Franz Josef Strauß, verfolgten: nur wenn die Bundesrepublik Deutschland bereit wäre Trägersysteme zu stellen, könnte sie auch an den militärischen Entscheidungsprozessen mitwirken. Dazu implementierte die NATO die sogenannte „nukleare Teilhabe“. Darunter versteht man die Beteiligung von NATO-Mitgliedstaaten an den nuklearen Planungen des Bündnisses und die damit verbundene Lastenteilung. Auch andere NATO-Mitgliedsstaaten stellten entsprechende Kräfte und Mittel zur Verfügung. Dies war nicht nur Ausdruck der Bündnissolidarität, sondern auch der ungeteilten Sicherheit und Integrität des transatlantischen Raums.

Planung für den Ernstfall

Besondere Bedeutung hat dabei die 1966 gegründete „Nukleare Planungsgruppe“ der NATO. Sie ist das militärpolitische Beratungs- und Entscheidungsgremium für alles, was mit Atomwaffen zu tun hatte. Seit Anfang der 1970er Jahre ist die Bundeswehr darin ständig vertreten – zuvor hatte sie keinen Zugang zu diesem wichtigen Ausschuss der NATO.

Faktisch hat „die Atombombe“ die Bundeswehr und die Verteidigungsplanungen der NATO in Mitteleuropa lange Zeit dominiert. Angesichts der konventionellen Überlegenheit der Streitkräfte des Warschauer Paktes waren Nuklearwaffen zuerst ein Mittel der Abschreckung. Im Verteidigungsfall wären sie möglicherweise die letzte Option gewesen, um einen Krieg zu beenden. Im täglichen Dienst bei den Geschwadern der Luftwaffe oder den Artillerieeinheiten der Bundeswehr stellte sich eine gewisse Normalität ein. Man hoffte und glaubte, dass solche Waffen nie zum Einsatz kommen würden. Die Geschichte hat gezeigt, dass diese Hoffnung berechtigt war. Das Atomwaffenarsenal der Supermächte kam nicht zum Einsatz und die Blockkonfrontation wurde 1989/90 überwunden.

Die Nuklearfähigkeit der Bundeswehr bestand unter anderem aus der Kurzstreckenrakete MGR-1 Honest John. Sie konnte mit konventionellen und atomaren Gefechtsköpfen bestückt werden. (Bild: Bundeswehr / Siwik)

Die Nuklearfähigkeit der Bundeswehr bestand unter anderem aus der Kurzstreckenrakete MGR-1 Honest John. Sie konnte mit konventionellen und atomaren Gefechtsköpfen bestückt werden. (Bild: Bundeswehr / Siwik)

Bedeutungsverlust der Nuklearfähigkeit

Die Bundesrepublik Deutschland hat in der Folge dieser Zeitenwende nicht nur die friedliche Vereinigung mit der ehemaligen DDR geschafft. Als Konsequenz wurden ab 1990 alle „Nuklearfähigkeiten“ der Bundeswehr abgeschafft. Einzige Ausnahme ist das Taktische Luftwaffengeschwader 33 in Büchel. Es stellt weiterhin Trägermittel bereit, dies ist aber eher ein symbolischer Beitrag der Bündnissolidarität. Zudem dient das Vorhalten dieser Fähigkeit der weiter gewährleisteten Mitsprache in der Nuklearen Planungsgruppe, auch wenn deren Bedeutung gesunken ist.

Dass ein Krieg mit Atomwaffen sinnlos gewesen wäre, steht außer Frage. General Heinz Trettner sagte einmal, das wäre, als würde man im Wohnzimmer mit Handgranaten werfen. Und Helmut Schmidt gestand, der Einsatz von Atomwaffen in Deutschland hätte ihn als Kanzler sofort dazu gebracht, die weiße Fahne zu hissen.

 

Autor: Dr. Heiner Möllers

 

Anm.: In der ursprünglichen Fassung wurde die Aussage, dass ein Krieg mit Atomwaffen wie das werfen von Handgranaten im Wohnzimmer sei, Graf Baudissin zugeordnet.

 

Titelbild: Foto des Baker-Test am 25. Juli 1946. (Bild: commons.wikimedia.org)

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